Was interessiert mich die WM …
Berichte aus der 12. Liga
Fußball, 4. Kreisklasse Ostfriesland
Die Tour geht weiter! Auch in diesem Jahr werden wieder Spiele aus der 12. Liga besucht; neue Flutlichtspiele, neue Bratwürste, neue Fehlpässe.
Diesmal kommen v.a. Partien ab der 3. Kreisklasse aufwärts ins Programm, denn die Vereine, die mit ihrer ersten Mannschaft bisher in den sechs Staffeln der 4. Kreisklasse spielten, sind entweder aufgestiegen oder spielen zu unpässlichen Zeiten. Der Titel „Berichte aus der 12. Liga“ bleibt jedoch, denn er ist auch eine ideologische Aussage.
Letztes Jahr haben mich einige Leute mit ihrem Besuch freudig überrascht; gerne wieder, dort, wo die Mittelfeldlinie endet.
Spielplan in Progress:
2. Kreisklasse, Staffel 2, 4. September 26, 20 Uhr: FC Nesse – BSC Burhafe.
„In Nesse bin ich geboren – hab‘ mein Herz verloren – an den Fußballklub“, sangen sechs Jugendliche, ausgerüstet mit Megaphon und Trommel, mit beeindruckenden Durchhaltevermögen. Eine Fankurve ist in der 10. Liga selten, aber Nesse hat bei 630 Einwohner (mit Ostdorf 800) eine Vielzahl von Fußballfans. 70 Zuschauer waren dabei, einschließlich der Ersatzspieler. Am überdachten Bratwurststand, so etwas wie die VIP-Tribüne, tummelten sich stets zwei Dutzend Leute. Branntwein mit Cola, Bier, Wurst. Eine ältere Frau, so um die 86, saß auf ihren Campingstuhl und begleitete das Spiel ohne Bereitschaft, sich ablenken zu lassen, mit strengen, analytischen Blick. Beim Tor, das Eins zu Null fiel so nach 25 Minuten, ballte sie beide Fäuste. Guter Fußball, alles junge Kerle, die sich taktisch diszipliniert verhielten, sofort ihre zugewiesenen Räume besetzten und auch in der Lage waren unter Gegnerdruck auf engen Raum Ballstafetten zu produzieren. Das Flutlicht auf den von erwachsenen Bäumen umrundeten Platz war bescheiden; das Spiel fand im leichten Dämmerton stand, was eine mystische Aura schuf. Höflich wurde der Eintritt von zwei Euro eingesammelt, sowieso wurde man als Fremder in Ruhe gelassen, verhielt sich aber nach gezeigter Bereitschaft zum Plaudern ausgesprochen kommunikativ. Guck mal einer an, du kommst aus der Stadt, hieß es, wobei mir als Bremer meine Stadt Norden weiterhin eher wie ein Großdorf vorkommt. Warum bist du hier? Weil mir der Bundesligafußball zu schnell und zu gleich ist – man nahm das ab, ließ es stehen, sagte „echt?“, nickte und sah, dass ich fleißig mit as und trank. Dann traf ich den wohl, so vermute ich, obersten Funktionär des Vereins, diskutierte anfangs mit ihm über die Neustrukturierung der ostfriesischen Fußballligen nach der Gründung des Fußballkreises Ostfriesland 2017, in welchem die ehemaligen Fußballkreise Aurich, Wittmund, Leer, Emden aufgingen. Die gesellschaftliche Komponente deutete sich in unserem Gespräch irgendwann an, ohne den FC, meinte ein Mithörender, wäre dieser Ort nicht das, was er ist, so verstanden, wie man mir freizügig erläuterte, dass hier einige junge Männer einen Bezugspunkt haben, ohne dem sie möglicherweise wenig gesellschaftsfähig wären. Kann ich zustimmen, ich war mal in meiner Jugend Kommunist, sagte ich scheinbar ohne jeden Zusammenhang in der provozierenden Hoffnung auf eine überraschende Reaktion. Stattdessen kam „Ja, ich auch,“ sodann ein gemeinsames Lachen, herzliches Händedrücken. Das Spiel war sehenswert; die Spieleröffnungen des FC Nesse waren einstudiert, das erfordert mehr Zeit und Intensität, als sich der Laie vorstellen kann. Ein metaphysischer Schauer der Einsamkeit zeigte mir, dass ich nach Hause wollte. Ich sagte Tschüss zu allen, mit denen ich auch nur einen Halbsatz ausgetauscht hatte, erhielt keinerlei unangenehme Reaktion, sondern ein freundliches Komm‘ mal wieder. Nach 65 Spielminuten verschwand ich, genoss noch einen Blick über den vom Dämmerlicht getragenen Platz, der mir sofort Caspar David Friedrichs Bild vom Mann am Meer durch den Kopf schießen ließ. Später las ich nach, dass der FC Nesse noch zwei weitere Tore geschossen hat, Nesse also drei zu eins gewann. Der Verein ist nun im Mittelfeld der elf Mannschaften umfassenden 2. Staffel der 10. Liga (Ostfrieslandklasse B2). Nächstes Heimspiel in 14 Tagen, Freitag, 20 Uhr, Flutlicht.
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3. Kreisklasse, Staffel 1, 26. September 26, 16 Uhr: SV Manslagt – TuS Westerende 2
Nach 18 Jahren hat es der SV Manslagt zur Saison 2026/27 wieder geschafft, eine eigene Mannschaft anzumelden, vorher kickten die Männer des 423 Einwohner zählenden Dorfes in einer Spielgemeinschaft mit umliegenden Dörfern. Der Platz soll nächstes Jahr eine neue Drainage erhalten; die alte ist 60 Jahre alt, was nicht immer einen funktionsunfähigen Rasenplatz zur Folge hat, hier direkt an der nassen Küste aber schon. Der Nebenplatz hat gerade einen Zaun erhalten, der Ball fliegt nun nicht mehr auf die umliegenden Felder. Vereinsheim, überdachter Bereich mit Bratwurststand, daneben ein professionell geteerter Versammlungsplatz unter freien Himmel; jeder dritte Manslagter ist Mitglied des Sportvereins, das macht vieles möglich, mehr über Eigenarbeit als über Geld.
Der Name des Dorfes lässt eine kampfbereite Fußballmannschaft vermuten, denn in Manslagt steckt das altfriesische Wort Mannslachta, was Totschlag heißt. Die Namensherkunft ist umstritten, Totschlag passt aber schon deswegen, weil man im dreißigjährigen Krieg eine 14-monatige „Schreckensherrschaft“ (Wikipedia) zu überstehen hatte. Im Kollektivgedächtnis scheint das keine Rolle zu spielen, jedenfalls konnte mich niemand über den Dorfnamen aufklären. „Irgendwas mit Männern“, meinte eine Zuschauerin.
Womit wir beim Spiel wären. „Wir sind die bessere Mannschaft. Weiter Jungs“, brüllte ein Führungsspieler vom SV Manslagt, einer der beiden Innenverteidiger, über den Platz, nachdem die Westerender kurz vor dem Halbzeitpfiff das Anschlusstor zum eins zu zwei geschossen hatten. Er hatte recht; es war nicht abzusehen, dass der Gegner gefährlich vor dem Manslagter Tor auftauchen konnte, zu deutlich hatten die Manslagter das Spiel beherrscht. Fußball ohne das Ziel, gewinnen zu wollen, bringt nicht richtig Spaß und die Manslagter wollten Spaß – und somit gewinnen: Raumaufteilung, Gegnerabdeckung, Absicherung, sogar Tiefenläufe waren steter Teil der Kommunikation zwischen den Manslagter Spielern; man muss es ernst meinen mit dem Fußballspiel und seinen Gesetzmäßigkeiten, sonst braucht man nicht auflaufen, egal, ob man nun in der 11. Liga oder einige Etagen höher spielt. Leicht genervt schaute der besagte Führungsspieler des SV Manslagt, als zur Halbzeit gepfiffen wurde. Den Gegentreffer hätte man sich sparen können.
Nach 90 Minuten gab es für keinen Manslagter Spieler mehr einen Grund, unzufrieden zu sein. Vier weitere Tore folgten; je länger das Spiel dauerte, desto mehr wurde auch die körperliche Fitness der Manslagter ausschlaggebend. Die Ballstafetten wurden länger; ein begnadeter Stürmer des SVM, der wohl auch in der Bezirksliga spielen könnte, tänzelte mehr als einmal in eins zu eins-Situationen durch die gegnerischen Reihen, wenn ich mich nicht irre, traf er auch selbst. Stockfehler waren selten, die relative Ballsicherheit war beeindruckend; es ist oft nur eine Frage des Zufalls, der Förderung, des Willens, der zeitlichen und familiären Umstände, welcher Fußballer als Profi spielt und wer in Liga 11.
103 Zuschauer samt Ergänzungsspieler und Staff, unglaublich – man denke an die Einwohnerzahl. Für die Zählung begab ich mich in der ersten Halbzeit auf die einsame Gegengerade, dort konnte ich trotz einfallender Sonne alle Anwesenden erfassen, einschließlich von zehn Kindern, die das Spiel zum Anlass nahmen, selbst gegen den Ball zu treten und sich bald auf dem Nebenplatz austobten. Dem SV Mansgalt ist zu wünschen, dass er bald die Flutlichtanlage des inaktiven Nachbarvereins bekommt, wie mir der zweite Vorsitzende des Vereins erläuterte – dafür braucht man einen Kleinunternehmer mit entsprechendem Fahrzeug, der den Transport der Flutlichtmasten als Sponsorentätigkeit verbucht. Abendspiele in Mansgalt, das würde der spannenden Dorfgeographie – von einer die zehn Hektar umfassende ehemalige Warft gebauten Ringstraße spinnt sich in eine Richtung ein uriges Wegenetz – die Krone aufsetzen.
Die Pommes schmeckten richtig gut, das ist bei Mc Donalds bekanntlich nicht immer so. Ich wurde gefragt, ob ich vom Filmteam sei (man sah sofort, wer hier noch nie war), was ich neugierig verneinte, leider ergab sich kein Gespräch. Eine Zuschauerin sprach die Hoffnung aus, dass der Verein aufsteigt, „die Ostfrieslandliga wäre ein Traum“. Man muss wissen, dass das die zweithöchste ostfriesische Liga ist, direkt unter der Bezirksliga, einstufig, Einzugsbereich von über 280 Vereinen. Illusion für so ein kleines Dorf? Nicht zwingend, der Grün-Weiß Firrel, dessen Wohnort auch nur 800 Einwohner hat, spielte bis letztes Jahr lange in der Landesliga, nach Kickers Emden die zweitbeste Mannschaft Ostfrieslands. Voran SV Manslagt, im Moment seid ihr nach sechs Spieltagen mit 15 Punkten in der elf Mannschaften umfassenden ersten Staffel der 3. Kreisklasse (Ostfrieslandklasse C1) Spitzenreiter!
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Aus dem Ankündigungstext der Saison 2025/26:
Wer über das Alltägliche staunen und es zuweilen kaum glauben kann, dem bleibt jede Welt fremd, selbst das Paradies. Widmen wir uns der 12. Fußballliga, von denen es in Deutschland wohl viele hundert gibt. Zumindest für den Fußballkreis Delmenhorst/Oldenburg-Land ist sogar die Existenz einer 13. Liga bezeugt, die Glücklichen.
Ob nun 12. oder 13. Liga – Abstieg ist unmöglich, tiefer geht es nicht. Wer damit nicht klar kommt, muss aufsteigen.
In Frage für Besuche kommen ausschließlich Vereine, die in der letzten Liga mit ihrer ersten Mannschaft spielen: Bentstreeker SV, SV Fulkum, TuS Halbemond, TSV Hesel, FC Frisia Neuharlingersiel, SV Ochtersum, TV Osteel, TuS Sandhorst, SV Simonswolde, BSV Wiegboldsbur.
2017 konstituierte sich aus den Fußballkreisen Aurich, Wittmund, Leer und Emden der neue Fußballkreis Ostfriesland. Oberste Liga des neuen Kreises ist die siebte Liga namens Bezirksliga. Darunter kommt die ebenfalls den ganzen Fußballkreis umfassende Ostfrieslandliga. Darunter spielen dann die erste Kreisklasse in zwei, die zweite Kreisklasse in vier, die dritte Kreisklasse in fünf und die vierte Kreisklasse in sechs regionalen Staffeln. Jedenfalls in der Saison 2025/26.
In Höhe der Mittelfeldlinie wird ein Mensch, bewaffnet mit Schreibblock und Smartphone, das Treiben verfolgen. Leser dieser Zeilen sind willkommen, werden aber, im Ernst, um Ernst gebeten – die Würde der Ersten der Letzten ist unantastbar.
