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Nicht-Einsteigen oder Aussteigen?

Christian Siry, Aussteiger Storys, Wenn Nicht Jetzt Verlag 2022.

Buch-Untertitel mit postmodernen Unterton: „Von Menschen, die auszogen, ihren Traum zu leben“. Denn traumhaft ist die Existenz der elf vorgestellten Aussteiger nicht, weil (1) auch ihnen die wenig attraktiven Grundbedingungen der menschlichen Existenz nicht verschont bleiben (Krankheit, Vergänglichkeit, Tod) und (2) auch sie in den von den Menschen gemachten gesellschaftlichen Verhältnissen mit den Basiskategorien Lohnarbeit, Geld und Ware leben. Und diese Kategorien zeigen ihre Macht auch nach dem Ausstieg – selbiges erfährt jeder Leser, der die Geschichten zwischen den Zeilen zu lesen vermag. Aussteigen fördert gnadenlos die Erkenntnis, dass das Glücksversprechen der Moderne von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ nicht erfüllt wurde.

Das im „Summer of Love“ (1967) existierende kollektive Ausstiegsbewusstsein, das mit nichttraditioneller Gesellschaftskritik korrespondierte, findet sich nur selten im Buch „Aussteiger Storys“. Beliebter ist die Frage: Wie überlebe wenigstens ich?